Nachhaltiger Pop-Up-Store für Bergsport-Artikel

Interview mit Isabelle Schindler, Gründerin von 2nd Peak, dem ersten Second-Hand-Shop für Bergsport-Artikel

Im Mai 2020 eröffnete Isabelle Schindler unter dem Label „2nd Peak“ in Zürich einen Pop-Up-Store für Outdoor-Mode, -Schuhe und Ausrüstung aus zweiter Hand. Bergsportbegeisterte können dort sowohl Bekleidung kaufen als auch zum Verkauf abgeben. 2nd Peak ist der erste Second-Hand-Shop für Outdoor-Bekleidung in der Schweiz. Im Dezember hat Isabelle Schindler nun ein festes Ladengeschäft für 2nd Peak in Zürich gestartet – eine Erfolgsgeschichte mitten im Corona-Jahr. Wir sprachen mit der Gründerin über ihre Shops, über Nachhaltigkeit in der Konsumgesellschaft und Mut in Zeiten von Corona.

23.12.2020

Frau Schindler, im Mai haben Sie in Zürich unter der Marke „2nd Peak“ den ersten Second-Hand-Laden für Bergsport-Bekleidung in der Schweiz gestartet. Sie sprechen davon, dass Sie Outdoor-Bekleidung bei 2nd Peak ein zweites Leben geben. Was waren Ihre Beweggründe für diesen Second-Hand-Shop für Outdoor-Mode?

Isabelle Schindler, Gründerin von 2nd Peak. - Quelle: 2nd Peak

Ich bin selbst leidenschaftliche Bergsportlerin und weiß, wie wichtig eine gute Ausrüstung am Berg ist. Ich war bereits in vielen Ländern in großen Höhenlagen und bin auch schwierige Touren gegangen, da brauchte ich sehr gutes Equipment. Das ist oft sehr teuer: eine Hardshell-Dreilagenjacke kann schnell über 900 Franken kosten. Man kauft die Jacke und nach drei, vier Jahren denkt man, jetzt wäre mal eine neue Farbe gut, oder man hat eine neue Hose und da passt die Farbe nicht mehr dazu. Dann läuft man Gefahr, dass man sich wieder ein solches Teil kauft. Die älteren Kleidungsstücke hängen dann einfach im Schrank. So ging das über die Jahre und es kamen immer mehr Teile dazu. Ich wusste genau, dass es anderen auch so geht. Die hochwertigen Outdoor-Sachen werden nicht weggeschmissen, sie bleiben im Schrank und der Schrank füllt sich. Gleichzeitig habe ich mich mit Fashion Waste und Fast Fashion beschäftigt und gehört, dass 40 Prozent unserer Kleider unbenutzt im Schrank liegen und dass wir im Durchschnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr kaufen. Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Das ist ein völliger Wahnsinn, was wir hier machen. Besonders bei Outdoor-Bekleidung wäre sinnvoll, sie in einen weiteren Lebenszyklus zu schicken, weil sie nicht so oft getragen wird. Über Online-Marktplätze wird zwar schon Einiges verkauft, aber besser wäre es, wenn man Kleidung und Schuhe vor dem Kauf anprobieren könnte. Gleichzeitig war ich unglücklich in meinem alten Job und wollte eine Veränderung. Da habe ich allen Mut zusammengenommen und mich selbständig gemacht. Ich war so überzeugt von meiner Idee und habe so sehr daran geglaubt, dass ich das mit sehr viel Energie und Power in relativ kurzer Zeit umsetzen konnte.

Warum haben Sie sich dabei für einen temporären Shop entschieden, anstatt ein reguläres Ladengeschäft zu eröffnen?

Die ursprüngliche Idee war, eine feste Miete einzugehen. Aber dann habe ich diese Location gesehen mit dieser einzigartigen Lage. Das ist eine Einkaufspassage direkt beim Hauptbahnhof, in der mehrere Outdoor-Geschäfte beieinander sind. Die Anzeige „Geschäft in Premium-Lage“ ist immer wieder aufgepoppt, aber ich dachte, ich kann mir das sowieso nicht leisten. Trotzdem habe ich dann mein Dossier eingeschickt und tatsächlich ein paar Stunden später einen Anruf bekommen. Die waren so begeistert von meinem Konzept, dass sie mir eine Zusage für den Pop-Up-Store gegeben haben. Das war als Starthilfe genial, um Aufmerksamkeit und Bekanntheit zu erlangen. An einer sehr guten Passantenlage und der Preis war auch moderat. Für mich war es eine wirklich gute Chance, ein Start-Up-Business mit einem Pop-Up zu beginnen.

Was waren Ihre Erfahrungen mit dem Pop-Up-Store in Zürich? Wie haben die Kunden auf das Konzept reagiert?

Es gab zweierlei Reaktionen. Diese Fläche wurde seit circa fünf Jahren immer als Pop-Up-Store benutzt, mit relativ schnellen Wechseln nach vier, fünf Monaten. Leute, die sich des Pop-Up-Konzeptes nicht bewusst waren, haben mich belächelt und sich gefragt, wie lange es dieser Shop wohl schaffen würde. Aber die Besucher, die in den Laden gekommen sind, waren alle total begeistert. Auch heute noch kommen die Leute in den Laden und sagen, das ist ja mega cool, ich kann nicht glauben, dass das Second-Hand-Sachen sind! Das ist ein sehr schöner Teil meiner Arbeit. Viele Kunden meinen, dass es so etwas eigentlich schon lange geben müsste. Und dass es genau das ist, was wir in der heutigen Zeit brauchen. Das Feedback von den Kunden ist immer noch jeden Tag ungebrochen positiv. Auch die Medienaufmerksamkeit ist so groß, das überrascht und begeistert mich total.

Gibt es in Zürich genügend Bergsportbegeisterte, so dass sich ein Second-Hand-Shop für Outdoor-Bekleidung lohnt? Könnten Sie sich vorstellen, auch an anderen Standorten einen Pop-Up-Store zu starten?

Der Schweizer ist schon ein Bergkind, egal ob er in der Stadt aufwächst oder auf dem Land. Man geht regelmäßig an den Wochenenden und im Urlaub in die Berge. Auch von Zürich aus kann man Tagesausflüge machen, bei denen man relativ weit hinaufkommt und daher denke ich, für den Start ist eine Stadt optimal. Die Stadt Bern wäre wahrscheinlich noch geeigneter, weil die näher an den Alpen ist und dort auch ein etwas nachhaltigeres Publikum unterwegs ist. Basel wäre auch eine Möglichkeit, Luzern vielleicht. Auch die Tourismusregionen St. Moritz, Gstaad oder Lenzerheide wären einen Versuch wert. Aber dann für Touristen als Zielgruppe. Ich glaube, ganz viele Gäste kommen und sind nicht gut ausgerüstet und merken das aber erst vor Ort. Dann sind sie froh, wenn sie für eine kurze Zeit nicht gleich einen teuren Skianzug oder die ganz teure Hardshell-Jacke kaufen müssen, sondern etwas im Second-Hand-Laden nehmen können. Aber jetzt liegt der Tourismus natürlich flach und man muss abwarten, wie sich das weiterentwickelt.

Wie reagieren die Brands auf das Second-hand-Konzept? Eher ablehnend oder gibt es eventuell Interesse an Kooperationen? Patagonia hatte ja bereits selbst einen Pop-Up-Store in den USA für getragene Outdoor-Mode und betreibt mit „Worn Wear“ eine Second-Hand Online-Plattform.

Die Reaktionen sind unterschiedlich. Einige Brands sind wirklich begeistert, vor allem diejenigen, die etwas nachhaltiger ausgerichtet sind. Sie finden das positiv und unterstützenswert. Viele kommen auch mit Musterwaren auf mich zu, weil sie finden, das wäre ein guter Kanal, um die Musterwaren auf eine hochwertige Art und Weise weiterzugeben. Ich glaube, ideell finden das viele Brands gut, aber proaktiv auf mich zugekommen ist noch kein Brand. Viele wollen lieber selbst ein Konzept mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit erarbeiten und sich dort positionieren.

Besonders überraschend war die Reaktion des größten Outdoor-Händlers der Schweiz, der sich gegenüber vom Pop-Up-Store in der Europaallee Passage befindet. Ihnen war ich offensichtlich ein Dorn im Auge, obwohl ich im Vergleich ein Winzling bin. Das hat mich extrem erstaunt. Ich habe mehrere Kooperationsanfragen gestartet und versucht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, aber bis heute keine Antwort erhalten.

Vor wenigen Tagen haben Sie nun den zweiten Laden in Zürich gestartet. Sind die Erfahrungen aus dem ersten Pop-Up-Store in das neue Ladenkonzept eingeflossen? Gibt es neue Elemente in dem zweiten Shop?

Der neue Laden ist jetzt ein reguläres Geschäft, wir haben einen Fünf-Jahres-Mietvertrag unterschrieben. Wir sind zwar nicht mehr in einer so tollen Lage wie vorher, aber nur eine Minute entfernt vom Pop-Up-Store. Wir haben jetzt die beiden Stores zeitlich überlappend, das heißt, wir können unsere Kunden darauf sensibilisieren, dass sie uns bald praktisch auf der anderen Straßenseite finden. So können wir die Kundenbindung noch stärken, bis der Pop-Up zumacht.

Die Pop-Up-Zeit hat mir sehr geholfen, Erfahrungen zu sammeln. Zum Beispiel bei der Platzeinteilung. Ich habe die Regale individuell aus Altholz fertigen lassen und da weiß man dann schon, wovon man zu wenig oder zu viel hatte. Man kann den Ladenaufbau besser abschätzen. Auch in Bezug auf das Kassensystem war die erste Erfahrung wichtig, um zu wissen, was man will und was nicht. Wir haben viel Verkaufserfahrung gesammelt, wir wissen, welche Produkte besser funktionieren und welche weniger gut. Neu dazugekommen sind jetzt ein Online-Shop und ein Mietservice für Bekleidung. Ich denke, dieses Jahr werden ganz viele Leute zum ersten Mal eine Schneeschuhtour oder eine Skitour versuchen, weil man ja in den Skigebieten nicht fahren kann. Da muss man sich nicht gleich die teure Hardshell-Jacke kaufen, sondern man kann sie bei uns mieten. Einen Reparatur- und einen Waschservice haben wir auch gestartet, weil viele Leute nicht genau wissen, wie man Outdoor-Kleidung pflegt. Das ist etwas, das nicht möglich gewesen wäre von Anfang an. Es war schön, aus dem Pop-Up die Erfahrung von Einkauf und Verkauf zu haben und dann neue Module darauf aufzubauen.

Der Einzelhandel wird in diesem Jahr stark von der Corona-Pandemie beeinträchtigt. Warum haben Sie nicht bis 2021 gewartet, um dann einen neuen Shop zu eröffnen?

Ich habe am 15. März 2020 den Mietvertrag für den Pop-Up unterschrieben. Da hat man sich schon nicht mehr die Hände geschüttelt und ein bisschen Abstand gehalten, aber man hat gedacht, das ist eine Sache von zwei, drei Wochen. Am 18. März kam dann der Lockdown. Das war schon ein echter Schock für mich. Aber ich habe damals gedacht, dass das nicht so lange dauern würde. Während dem Lockdown hatte ich Zeit, meinen Shop aufzubauen. Es war nicht so einfach, an die Waren heranzukommen, auch für den Schreiner war es mit den Materialien sehr umständlich. Aber dann ganz genau mit dem Ende des Lockdowns konnten wir eröffnen und dann ist es total durch die Decke gegangen. Die Leute waren so glücklich, dass sie wieder rausdurften, in die Stadt gehen und ein echtes Einkaufserlebnis haben konnten. Kontakt mit Menschen, Beratung, man hat richtig gemerkt, es gab ein Defizit. Die Leute wollten auch in die Berge, in die Natur. Man konnte nicht reisen, deswegen haben viele Schweizer angefangen mit Wandern. Der Pop-Up-Store hat am Anfang unsere Erwartungen total übertroffen. Dann hat es sich so eingependelt über den Sommer. Jetzt merken wir Corona schon, jetzt ist es irgendwie zäh.

Ende Januar muss ich raus aus dem Pop-Up-Store. Ich habe schon überlegt, ob ich eine Pause machen soll, aber ich glaube, ich hätte dann meinen ganzen Kundenstamm und meine Bekanntheit verloren. Da habe ich ein zweites Mal etwas naiv gedacht, dass die zweite Welle vielleicht nicht so lange dauert… und ich habe diese großartige Location gefunden, die ganz nah ist. Augen zu und durch (lacht). Wenn man auf Pop-Up setzt, dann ist das Überlappen das ideale Konzept. Man verliert sonst die Leute. Wenn sie vorbeikommen und der Laden ist nicht mehr da, ist der Aufwand zu groß, um herauszufinden, wo der Shop jetzt ist. Es braucht im Monet sehr viel Mut und Vertrauen in das eigene Konzept. Aber ich möchte in den Köpfen der Leute die Erste sein und auch die Erste bleiben, die einen Second-Hand-Shop für Bergsport-Ausstattung in der Schweiz gestartet hat. Deshalb hoffe ich, dass dieses Tief nicht zu lange andauert.

Was nehmen Sie aus den ersten Monaten des Pop-Ups mit in Bezug auf das Nachhaltigkeitskonzept Ihres Shops?

Es ist spannend, wie viele Menschen auf das Second-Hand-Thema aufspringen, seit ich den Shop betreibe. Ich bin ein Hobbyfotograf und ich frage mich, wieso gibt es keinen Second-Hand-Markt für Fotozubehör? Oder der Installateur, der mir die fast neue Behindertentoilette ausgebaut hat: er meinte, jetzt muss ich eine Toilette wegschmeißen, die 2.000 Franken kostet… Wieso gibt es keinen Markt für Second-Hand-Sanitärbedarf? Jeder, mit dem man ins Gespräch kommt, merkt, dass es in seinem Fachgebiet eigentlich auch Second-Hand-Geschäfte geben sollte. Ich hoffe schon, dass das Circular Business Modell sich noch mehr ausbreitet und mehr Spezialgeschäfte eröffnen. Es macht so viel Sinn. Es wird viel zu viel weggeschmissen. Pop-Up-Stores wären dafür sehr gut geeignet. Man kann eine Idee ausprobieren. Und wenn sie nicht funktioniert, dann hat man eben nicht einen Fünf-Jahres-Mietvertrag, sondern eine kürzere Laufzeit.

Frau Schindler, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Weitere Fotos

Pop-Up-Store von 2nd Peak. - Quelle: 2nd Peak

 

Isabelle Schindler vor dem neuen 2nd Peak-Shop. - Quelle: 2nd Peak

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